Gloomy Sunday
Mal wieder eine Geschichte von mir. Bitte nicht kopieren!
Gloomy Sunday
Es war Sonntag. Einer jener düsteren Sonntage im Spätherbst, an denen man das erst Feuer im Kamin des Wohnzimmers anzündete. Man legte sich an einem solchen Tag am liebsten mit dem Angebeteten auf eine bequeme Couch davor und genoss die wohlige Wärme beider, die des Feuers und des Liebsten, in vollen Zügen.
Vielleicht trank man noch Früchtetee und philosophierte über Sinniges und viel Unsinniges. Den ganzen Tag verbrachte man so, schaute dem Nebel zu, wie er sich langsam über Felder, Wiesen, Wälder und Hügel legte und eine fast erdrückende Stimmung schuf. Nicht einen Gedanken verschwendete man daran, sich aus der innigen Umarmung des Partners loszureißen und nach draußen, an die feuchte und kalte, vom Duft verwester Blätter getränkten Luft zu gehen.
Für mich sind solche Momente der Geborgenheit und des Glücks nur noch Erinnerungen. Das Feuer im Kamin war längst erloschen und die feuchte Kälte des Nebels war durch die alten Mauern nach innen gedrungen und erfüllte alles mit Unbehagen.
Als ich mich auf die altmodische, mit kariertem Stoff überzogene Couch setzte, wirbelte der Staub von Monaten auf. Lange stand sie schon unbenutzt in der Mitte des großen Raumes, die Polster hatten das Gefühl eines Körpers, der in ihnen versank, längst vergessen. Ich starrte in die Überreste des letzten Feuers und schwelgte in Gedanken. Ein Stück der Wärme von damals, das Knistern des Holzes im Kamin und ein angenehmer Geruch nach Holz, einem kleinen Hauch Harz und dezentem Parfum kamen wieder zu mir zurück, aber nur für einen kurzen Moment. Dann saß ich wieder nur still da und eine seltsam vertraute Melodie schlich sich in meinen Kopf und verbreitete sich wie der schwere Duft von Rosen.
So mag ich nun Stunden gesessen haben, ohne gestört zu werden. Meine Gedanken hingen der Vergangenheit nach, immer begleitet von einer melancholische Melodie, die wie ein guter Freund mit mir zu sprechen schien.
In einem kurzen Anflug von Hoffnung beschloss ich, meinen Geliebten zu besuchen. Der kleine Garten hinter unserem alten, aber dennoch schönen Haus schenkte mir die letzten weißen Blumen, seine Lieblingsblumen, des Jahres. Ich pflückte sie in der stillen Hoffnung, sie würden ihn erwecken.
Die Blätter des Ahornbaumes waren längst von lebendigem, saftigen Grün in dunkles Orange verwandelt und zu Boden gefallen, wo sie in den ewigen Kreislauf der Natur aufgenommen werden. Es kam mir vor, als wäre ich den verwelkten Blättern sehr ähnlich. Meine Gefühle hatten den Frühling schon hinter sich und warteten nun, im Herbst, auf das Vergehen.
Bevor weitere trübe Gedanken meinen Geist wie Schimmelpilz befallen konnten, lief ich den kleinen, mit brauen Steinen liebevoll gepflasterten Weg um das Haus herum entlang zur Pforte, welche mich aus meinem Grundstück führte. Ich öffnete das Holztürchen, das kreischend gegen mein gehen protestierte. Ohne Beachtung schloss ich es wieder und betrat die Straße. Ein kühler Lufthauch streichelte mir über die Wange und ließ mich frösteln.
Meine Beine liefen den altbekannten Weg zu ihm wie von alleine. Regen setzte ein und durchnässte meine Kleidung, meine Haare. Die Hand, in der ich die Blümchen hielt, wurde kalt und kälter.
Mit dem Regen tropften nun die heißen Tränen meiner verlorenen Liebe auf meine kalten, blassen Wangen.
Der Weg zu ihm war kurz, aber die zäh fließende Zeit ließ ihn schrecklich lange dauern. Mir schien es, als würde ich mich kaum von der Stelle bewegen. Meine Beine bewegten sich, liefen den Weg zu ihm, aber mein Geist war langsamer und blieb zurück. Vielleicht war es die Angst vor einem Wiedersehen, die mich minutenlang vor dem Tor verharren ließ. Ich stand dort und traute mich nicht zu ihm. Die Gedanken an den Tag, an dem wir uns trennten schienen mich zu lähmen. Der schwarze Wagen, der ihn von mir fortbrachte fuhr in meiner Fantasie noch einmal von mir weg, noch einmal gab ich dir weiße Lilien zum Abschied, noch einmal schaute ich in dein fahles, emotionsloses Gesicht und weinte.
„Junge Frau, Sie erkälten sich noch bei diesem schrecklichen Wetter. Und überhaupt, was wollen sie hier im Regen? Sie werden sich noch den Tod holen!“
Dumpf vernahm ich eine Stimme, die diese Worte zu mir sprach… den Tod holen…
Ich wollte antworten, doch als ich mich umdrehte, war die Stimme verschwunden. Neuen Mut fassend öffnete ich das Tor und trat ein. Ein langer, von Kies bedeckter Weg, gesäumt von hochgewachsenen Birken führte mich zu ihm. Vorbei an seltsamen Frauen, die mich anstarrten, und deren Stimmen ich leise säuselnd vernahm, lief ich auf seine Engel zu, die ihn nie wieder hergeben wollten.
Ich begann mit ihm zu reden, doch er antwortete nicht.
Ich schrie ihn an, doch er reagierte nicht.
Ich weinte, doch er tröstete mich nicht.
Voller Verzweiflung warf ich mich auf den matschigen Boden vor seinem Grab. Der Regen wurde stärker und die Tränen liefen schneller. Die weißen Blümchen warf ich auf die Graberde und sie wurden schmutzig.
Ich weinte weiter und sah immer wieder zu seinen Engeln auf und bat sie, ihn freizugeben. Ihr erbarmungsloser Blick teilte mir mit, dass sie ihn behalten wollten.
Wären sie wütend, wenn ich darüber nachdächte ihm zu folgen?
Bei diesem Gedanken fiel mir auf, das die Melodie mich die ganze Zeit begleitet hatte. Sie stärkte meine Verzweiflung und ließ sich nicht verdrängen. Immer tiefer grub sie sich in mein Gehirn ein, ihre Schönheit war zugleich grausam, wie der stechende Schmerz einer Rasierklinge. Zuerst spürt man einen schönen Schmerz und das fast beruhigend pulsierende Blut tropft den Arm entlang auf die weißen Fliesen des Badezimmers.
Doch dann setzt der brennende, ekelhafte Schmerz ein. Man wollte ihn nur loswerden.
Genau so verhielt es sich mit der Melodie. Anfangs, noch zu Hause, genoss ich sie, doch nun betäubte sie mich fast. Sie ließ mich in einen tranceartigen Zustand fallen.
Sekunden, Minuten, Stunden vergingen während ich im schmierigen Matsch lag.
Als ich wieder zu mir kam, war es bereits Nacht geworden. Der Vollmond hüllte den Friedhof in ein milchig weißes Licht. Es regnete nicht mehr, aber es war frostig kalt. Schlamm und Regen hatten sich wie Säure durch die Kleidung bis auf meine Haut gefressen.
Die Gedanken an ihn ließen mich nicht mehr los. Seit Wochen hatte ich kein richtiges Leben mehr geführt. Bizarre Schatten an der Wand waren meine einzige Gesellschaft gewesen. Ich hatte mit niemandem gesprochen, seit er mich verließ. Mein Mund wurde von Trauer und Wut verschlossen.
Noch immer deckte ich den Tisch jeden Abend für zwei, goss den teuren Rotwein, den er so gern trank, in zwei Kristallgläser und zündete Kerzen an. In meinen Gedanken war er immer noch bei mir. Nachts war es mir, als würde ich seinen warmen Atem in meinem Nacken spüren.
Eine Sekunde nach dem Aufwachen war die Welt noch in Ordnung, aber bevor sich eine Art Glücksgefühl in mich schleichen konnte, wurde ich schmerzhaft in die Realität zurückgeschleudert.
Bisher konnte ich mich stets in meine Traumwelt flüchten. Heute, an diesem romantisch düsteren Sonntag hatte sich etwas verändert. Zum ersten Mal verspürte ich den unerträglichen Schmerz der Verlusts so intensiv, dass meine (Traum)Welt in Stücke barst.
Ich hatte mehr als genug vor dem Grab meines Mannes geweint, aber meine Tränen versiegten nicht. Die warme Flüssigkeit lief weiter in Sturzbächen meine Wangen hinunter. Mein Körper hatte sich verkrampft und meine Hände gruben sich tiefer in den Dreck. Dann wurde ich wütend. Wütend auf ihn, wütend auf seine Engel.
Warum hatte er mich verlassen?
Ich begann mit verkrampften Händen schreiend Schlamm auf den Grabstein mit seinem Namen und auf die grinsenden Gesichter der Engel zu schleudern. Und die Melodie trieb mich in einen melancholisch depressiven Wahnsinn.
Das letzte an das ich mich erinnern kann war, dass ich nach hinter kippte. Dann fiel ich in einen tiefen Schlaf.
Ich fand mich in einer kleinen gotischen Kapelle wieder. Rings um mich befanden sich trauernde, in schwarz gekleidete Menschen. Der betäubend schwere Geruch von Weihrauch kroch in meine Lunge und machte es mir schwer zu atmen. Ich stand auf dem mit rotem Teppich bedeckten Mittelgang, links und rechts von mir waren die Reihen mit Menschen gefüllt. Ihr Weinen und Flüstern dröhnte in meinem Kopf und ließ mich fast durchdrehen. Die pfeifenden Klänge der alten Orgel erklangen und fügten sich zu der Melodie, die ich so liebte und auch abgrundtief hasste, zusammen. Verwirrung stieg in mir empor.
Ich wusste nicht, wo ich war, geschweige denn was ich hier sollte. Als sich Panik in mir breit machen wollte, spürte ich eine schwere Hand auf meiner Schulter. Ich drehte mich um und schaute in die trüben, grünen Augen meines Vaters. Sein Gesicht war von Trauer gezeichnet, tiefe Falten durchzogen sein Gesicht.
Für einen kurzen Augenblick wichen alle unangenehmen Gefühle von mir.
„Komm mein Kind, du bist an der Reihe!“
Er fasste meine Hand und führte mich nach vorne. Erst jetzt bemerkte ich, dass am Ende des Ganges ein schwarz glänzender Sarg stand. Lilien schmückten ihn und gaben der Szenerie eine noch bedrückendere Stimmung.
Mit wackligen Knien und auf meinen Vater gestützt ging ich auf den Sarg zu. Ich stellte mich mit geschlossenen Augen daneben und rief mir das Gesicht meines Mannes in Erinnerung. Um mich herum wurde es still, bis auf die Musik, sie hallte immer noch von den alten Mauern wieder. Mein Vater ging von mir weg.
Tief einatmend hob ich meine Lider und starrte das mir so verhasste Gesicht an. Ich starrte ihm in die schuldigen Augen, betrachtete die Lippen, hinter denen sich furchtbare Instrumente beißender Qualen versteckten.
Die graue, wachsartige Haut ließ mich schaudern und durch den süßen Duft der Lilien wurde mir schummrig.
Dieses verdammte Gesicht!
Es war an allem schuld. Es war meine eigenes Gesicht, welches ich anschaute und dermaßen hasste. Die Orgel wurde lauter.
Mit einem schmerzhaften Tritt in die Seite wurde ich geweckt. Langsam öffnete ich die Augen.
Eine alte Frau mit tiefen Furchen im Gesicht, grauweißem Haar und ganz in schwarz gekleidet stand neben mir und schaute auf mich herab. Ihre Röcke waren aus Spitze gefertigt und ihre schwarze Farbe schien alles Licht der Morgensonne zu absorbieren.
Sie starrte in meine Augen und schaute mir direkt in die Seele. Es war mir unangenehm, doch die alte Frau ließ mich nicht los.
Ihr Blick fesselte mich an sie. Mit einer leisen, melodischen Stimme sprach sie zu mir:
„Sie werden es dir nicht übel nehmen!“
Die Frau begann die Melodie zu summen und verschwand, die Melodie blieb. Melancholisch und bedrückend wie bisher war sie, doch eindringlicher.
Vorsichtig stand ich auf. Meine Kleidung und meine Haut waren mit einer dicken Schicht Schlamm, der langsam abbröckelte, überzogen.
Mein Kopf schmerzte als wollte er zerspringen. Der erste klare Gedanke führte mich zurück zu meinem geliebten Toten.
(Ich dachte daran, wie sein Körper unter mir, in einem mit samt ausgelegten Sarg verrottete. Seine Haare und Fingernägel wuchsen weiter, sein Gesicht war eingefallen und Maden krochen aus seinen Körperöffnungen.)
Getrocknete Tränen wurden durch neue ersetzt. Noch einmal in seinen Armen liegen zu dürfen, dies war mein einziger Wunsch. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Ich dachte an eine schöne Zeit zurück und ließ den Kummer hinter mir.
Ein Funke von Hoffnung setzte mein kaltes Herz in Flammen. Alles sollte sich zum Guten wenden.
Zärtlich strich ich mit meiner Hand über seine Wangen, so in Gedanken. In Wirklichkeit strich ich über den schmutzigen Grabstein und säuberte ihn. Ich glitt über die Buchstaben und Zahlen auf ihm, mit einem Lächeln im Gesicht. Seltsame Fantasien bemächtigten sich meiner.
Ich ging auf den Hauptweg zurück und drehte mich noch einmal um. Meine Tränen flossen nicht mehr und ich warf meinem Mann einen Handkuss zu. Die Engel schienen zufrieden zu grinsen.
Die Melodie vor mich hinsummend machte ich mich auf den Weg nach Hause. Die Sonne kämpfte sich durch die großen, dunkelgrauen Wolken und warf ihre Strahlen auf die glänzend nasse Erde.
Ich genoss ihre Wärme und stand im Nu vor unserem Haus. Das Türchen ließ sich ohne Mühe öffnen und gab mir den Weg frei.
Ich betrat das Haus und mir fiel die schreckliche Unordnung auf. Im Flur standen duzende von Kartons, in die meine Mutter die Dinge meines Mannes gepackt hatte. Bis jetzt hatte ich es nicht fertiggebracht, sie wegzubringen. Ich habe gar nicht daran gedacht, sondern sie sogar teilweise wieder ausgepackt.
Ich ging weiter ins Wohnzimmer. Durch die Fenster drang ein kalter Luftzug ins Zimmer und wirbelte Staub auf. Nachdem ich sie geschlossen hatte, begann ich im Wohnzimmer und im Flur aufzuräumen.
Die Kartons verstaute ich im Keller, ich räumte alles auf und staubte ab.
Ich machte mich daran, auch in den anderen Zimmern für klar Schiff zu sorgen. Zuerst die Küche, dann das Badezimmer und schließlich das Schlafzimmer. Obwohl ich von Zeit zu Zeit innehielt, um der Musik in meinem Kopf zu lauschen, ging alles schneller als ich dachte. Bis zum Ende des Tages war das Haus wieder bewohnbar.
Geschafft setzte ich mich auf die Couch im Wohnzimmer und schlürfte frisch gebrühten Rote-Grütze-Tee. Das Feuer im Kamin knisterte und verströmte seine Wärme im ganzen Haus.
Die leise Musik in meinem Kopf lullte mich in den Schlaf. Traumlos verbrachte ich die Nacht auf der Couch und wachte erst spät morgens wieder auf. Die Sonne schien durch das Fenster und hatte mich wachgeküsst. Ein paar Sekunden lang verfiel ich in Depression, allein aufwachend und an meine große Liebe zurückdenkend.
Plötzlich fiel mir ein, dass ich noch etwas zu erledigen hatte. Ich ging ins Schlafzimmer und nahm die Fotografie meines Mannes vom Nachttisch. Verträum schaute ich in seine blauen Augen und hörte die Melodie wieder deutlich in meinem Kopf. Ich dachte darüber nach, was für eine schöne Zukunft wir gehabt hätten. Er war mir genauso verfallen gewesen, wie ich ihm, unendlich viel Liebe hatte uns verbunden.
Wir wollten Kinder haben, wir hatten uns so darauf gefreut, unsere eigene kleine Familie zu haben.
Doch nun war alles zu spät. Die Zeit für unsere Beziehung war abgelaufen, es war an der zeit etwas zu ändern. Man muss in die Zukunft schauen, das unbarmherzige Rad der Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen.
Ich entfernte das Bild aus seinem hölzernen Rahmen und gab einen letzten Kuss darauf.
Nachdem ich mich angezogen hatte, steckte ich es in meine Manteltasche.
Noch immer dachte ich an das schöne Leben mit ihm, aber es war Zeit, damit abzuschließen.
Summend verließ ich das Haus, schloss die Haustüre ab und schaute mich um. Nach kurzem Zögern trat ich auf die Straße und machte mich auf den Weg. Sonne und Wolken baten mir ein wundervolles Schauspiel. Die Sonnenstrahlen kämpften sich immer wieder durch die dicken Wolken und hüllten die Berge in ein malerisches, warmes Licht. Dann wurden sie wieder verdunkelt und kalter Wind kam auf. Einige der letzten Blätter wurden von den Ästen der Bäume losgerissen und wirbelten durch die Luft. Es wurde dunkler und dunkler, bis wieder eine Wolke aufriss und ein heller Strahl sie wie Honig durchfloss und die Erde vergoldete.
Ich lief und lief, schneller, langsamer, nachdenklich, dann wieder seltsam vergnügt. Die süße Melodie trieb mich weiter und weiter. Aus der Stadt hinaus, über Wiesen, durch Wälder, über kleine Hügel und an einem See vorbei.
Musik, frische Luft und die Schönheit der Natur beflügelten meine Sinne. Ich merkte gar nicht, wie weit ich schon gelangt war. Der Weg, den ich zurückgelegt hatte, erschien mir sehr kurz, doch ich muss stundenlang unterwegs gewesen sein. Die Sonne war schon fast untergegangen, als ich an einem kleinen Turm aus Sandsteinen, der über das Land ragte, ankam.
Ich stand davor und blickte nach oben. Er schien bis in den Himmel zu reichen. Meine Neugier über seinen Ursprünglichen nutzen und wie weit man wohl von dort oben sehen konnte trieb mich hinein.
Eine Tür gab es nicht mehr, vermutlich schon seit Jahrzehnten. Ich stieg die morsche und quietschende Holztreppe nach oben. Sehr langsam musste ich dabei vorgehen, denn es war im Turm schon stockfinster und ich hatte ständig Angst, die Treppe würde zusammenbrechen.
Oben angekommen wurde ich von der Aussicht überwältigt. Man konnte weit sehen, doch hier und dort wurde die Sicht von einem Berg behindert. Die Stadt, die Wälder, alles lag unter mir. Ich genoss die Aussicht…
Die Melodie in meinem Kopf war immer noch klar und deutlich zu hören, in meinem Kopf jedenfalls.
Ich setzte mich in eine Ecke. Die grob behauenen Sandsteine waren noch ein wenig von der Sonne gewärmt.
Dort saß ich und schloss meine Augen. Ich spürte den Wind, der über meine Haut strich und genoss die kalte, nach Herbst und Nacht duftende Luft.
Meine Musik wurde begleitet von einem Orchester aus schreienden Vögeln, die von ihrem Nachtlager aufgeschreckt wurden, und weit entfernt bellenden Hunden.
Der Ruf der Nacht ließ mich aufstehen und bis zur Mauer des Turms gehen. Ich sah hinab auf die von Dunkelheit durchtränkte Landschaft und fühlte mich wie eine Königin, die auf das ihr untergebene Land blickt.
Auf diesem Fleck stehe ich noch immer. Die Fotografie meines Geliebten habe ich inzwischen aus der Tasche genommen. Sie hatte den Tag über darin gelitten, doch trotz der vielen Knicke und Risse hat sie nichts von seiner Schönheit verloren. Das milchige Mondlicht erlaubt es mir, meine Augen daran zu ergötzen.
Mein Schatz, ich liebe dich…
Mein Herz und ich haben beschlossen, dem Leiden ein Ende zu setzen.
Die Engel werden mir nicht böse sein.
Sie lassen niemanden wissen, dass ich gerne gehe.
Bald werden sie weiße Kerzen für mich anzünden und beten.
Ich werde ihn wieder umarmen.
Mit meinem letzten Atemzug spreche ich seinen Namen und schließe die Augen…
von Lethe
July 18th, 2006 at 5:49 am
Hi ich muss sagen ich persönlich kann vieles in deiner Geschichte dneke ich ganz gut “zwischen den Zeilen lesen” und kann dir das ganz gut nachempfinden.
Darf ich dich fragen wie GENAU auf diese Geschichte gekommen bist? ( durch etwas das dir passierte, durch Emotionen, die du ausdrücken möchtest oder gar eine Art Traum,…?)
Ich würde mich sehr über eien Antwort freuen vielleicht auf bald, .. .
Angelus
July 18th, 2006 at 7:58 pm
Ausgangspunkt dieser Geschichte war eigentlich der “Mythos” der sich um das Lied “Gloomy Sunday” von Rezso Seress rankt. Wenn’s dich näher interessiert kannst du einfach mal bei Google danach suchen (und deine Ergebnisse auch gerne hier posten;-) ).
Wie gesagt, das ist nur der Ausgangspunkt. Es spielen viele sehr persönliche Dinge mit hinein, der Verlust von einem Menschen und vor allem die Angst vor einem weiteren Verlust. Das ganze ist ein Horrorszenario, das sicvh fast täglich in meinem Kopf abspielt, einen Traum brauche ich dafür nicht.
Du hast schon recht, man kann sehr viel zwischen den Zeilen lesen und viel über meine Persönlichkeit erfahren.
Ich hoffe das ist dir Antwort genug, falls nicht, einfach weiter fragen! :-)
Lethe
September 30th, 2006 at 6:23 pm
Wozu lang suchen: http://www.gothicblog.com/die-selbstmordhymne.htm hehe